Volkstrauertag – Wer trauert hier eigentlich um wen?

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Kriegerdenkmal, Bad Meinberg

Jedes Jahr im November begehen wir einen Feiertag, der nicht unumstritten ist. Als meine Oma noch ein Kind war, wurde dieser Feiertag in Heldengedenktag umbenannt. Ursprünglich war er dazu da gewesen, an die Gefallenen und die Opfer des Ersten Weltkriegs zu erinnern. Dieser Feiertag sollte ein Tag der Mahnung sein, nicht abermals wie 1914 in Kriegseuphorie zu verfallen und stattdessen den Frieden in Europa zu wahren. Doch die Nazis pervertierten diese Idee und nutzen den, wie sie ihn nannten, Heldengedenktag, um diejenigen postum zu ehren, die für Volk und Vaterland glorreich gekämpft hatten.
Bekanntermaßen wollte nach 1945 niemand mehr derartiges hören, geschweige denn sich zur Ideologie des gerade untergegangenen Nazistaats öffentlich äußern. Doch wieder war das Bedürfnis da, in Demut der millionenfachen Opfer zu gedenken, um Angehörige zu trauern und zur Friedfertigkeit zu ermahnen.
Bis heute feiern wir diesen stillen Feiertag in seinem ursprünglichen Sinn, wie er nach dem Ersten und dann nach dem Zweiten Weltkrieg ein- bzw. wieder eingeführt worden ist. Auch heute noch werden Kränze niedergelegt, Reden gehalten und besinnliche Musik gespielt. Und das Volk trauert.

Doch die Zahl der Menschen, die einen Vater im Krieg oder eine Schwester auf der Flucht verloren haben, nimmt ab. Eine neue Generation ist herangewachsen, die Krieg, Vertreibung und Hunger nicht kennt. Vielleicht noch aus Erzählungen der Großeltern oder aus dem Nachrichten.

Volkstrauertag – Wer trauert heute eigentlich um wen?

Für mich hat es etwas Zynisches, wenn auch in diesem November wieder Bürgermeister und Pfarrer auf den Friedhöfen der Opfer von Krieg und Terror gedenken, und fordern: „Wir Deutschen haben eine historische Verantwortung!“ – „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Zeitgleich schauen Millionen Deutsche achselzuckend zu, wie Menschen in Syrien oder Irak oder an unzähligen anderen Orten der Welt unvorstellbar grausam leiden und sterben müssen.

Volkstrauertag – Wer trauert heute eigentlich um wen?

Als ich Kind war, gab es eine große Friedensbewegung. Vielleicht ist es wieder an der Zeit, etwas derartiges zu starten, um auch auf die Politik Druck auszuüben, sich ernsthaft und dauerhaft für Frieden einzusetzen. Aber ich glaube leider, dass eine Friedensbewegung 2.0 bei uns kaum Mitmacher finden würden. In den 1980er ging es um den Frieden in Deutschland. Der Frieden bei uns war bedroht! Doch heute leben wir in Frieden und Sicherheit. Und Syrien ist ja weit weg… Wen kümmert schon Aleppo…

Volkstrauertag – Wer trauert heute eigentlich um wen?

Die Generation meiner Großeltern hatte noch echten Grund zum Trauern. Sie wusste aus eigener Erfahrung, was Krieg ist und zu was Menschen fähig sind. Wir wissen es nicht. Und den meisten ist das wahrscheinlich auch recht so. Es reicht ja, am Volkstrauertag sein Betroffenheit zu bekunden, in Reue an die deutsche Geschichte zu erinnern und zum Frieden in der Welt aufzurufen. Selber aktiv werden und sich für Frieden einsetzen? Lieber nicht.

Ehrenmal, Bad Meinberg

Ehrenmal, Bad Meinberg

Andreas Flor

Andreas Flor

... ist Pfarrer in der ev.-ref. Kirchengemeinde Pivitsheide.

2 Gedanken zu “Volkstrauertag – Wer trauert hier eigentlich um wen?

  1. Volkstrauertag – Gut dass es diesen Gedenktag gibt!
    Aus Erzählungen weiß ich, dass dieser Tag noch lange nach dem 2. Weltkrieg, mindestens bis in die siebziger Jahre, als Heldengedenktag gefeiert wurde. Und immer noch gibt es Überlebende und Nachkommen, die in diesem Sinne diesen Tag begehen. Vielmehr noch: die von diesem Geist und den ursprünglichen Gedankengebäuden getrieben, den bei uns abwesenden Krieg, auf andere Weise ins Land holen. – Dann heißt es eben (wieder): „Deutschland den Deutschen“ und ist nichts anderes als eine Bürger-Kriegs-erklärung gegen alle, die nicht deutsch sind.
    Es ist erschreckend, wie verharmlosend die Politik und Gesellschaft mit diesem aggressiven Gedankengut und Parolen umgeht.
    Der Volkstrauertag mit seinen Reden bietet m.E. eine Chance, der Volksverhetzung damaliger und heutiger Tage entgegenzutreten.
    Zynisch wäre wohl eher die Opfer und Täter zu vergessen und damit zu verharmlosen, was geschehen ist.
    Als Theologe kann ich mir nicht vorstellen, dass wir solche Tage nicht auch als Chance nutzen, deutlich zu sagen, dass es nicht sein kann, das postum die Täter über die Opfer triumphieren, indem wir diese vergessen, sie nicht erwähnen, …
    Die „Deutungshoheit“ über das, was geschehen ist, darf niemals denen überlassen werden, die braunen Herzens sind.
    Und diejenigen, die wirklich Trauernde, weil direkt betroffen sind, „verdienen“ eine angemessene Ansprache, die nicht respektlos verurteilt, aber ebenso wenig einfach nur gut heißt und entschuldigt, was Spätgeborene gar nicht können.
    Ja, Opfer waren auch vielfach Täter, – Opfer einer Ideologie, die den einen Leben und den andern den Tod brachte.
    Geschichtsvergessen würden wir gegenwärtig unsere Zukunft gefährden.
    Volkstrauertag ist für mich insofern auch kein „Feiertag“ sondern ein Tag zum Innehalten und gedenken, – also denken und erinnern!
    Das ich als Niederländer, dessen Eltern und ihre Familien vor 1945 unter der deutschen Besatzungsmacht gelitten haben, seit über 20 Jahren Reden halte am Volkstrauertag, ist für mich darum, über den symbolischen Charakter hinaus, eine Friedens- und Versöhnungsstiftende Geste.
    Wenn es nach denen geht, die braunen Herzens sind, dann dürfte ich das nicht. Also bin ich auch an dieser Stelle Protestant mit Leib und Seele und werbe für die Wiederentdeckung dieses Gedenktages:
    Erinnerung schafft Zukunft!
    Holger Postma

  2. Wer trauert hier eigentlich um wen?
    Für mich ist der „Volkstrauertag“ nie ein „Heldengedenktag“ gewesen, sondern immer ein Gedenktag an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Hier finden sich nicht nur die Soldaten (Opfer oder Täter), sondern auch die vielen Zivilisten, darunter religiös, rassisch und politisch Verfolgte, aber auch Vertriebene wieder. Kaum eine Familie in Europa ist davon unberührt geblieben.
    Und die kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage (z.B. auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Vorderen Orient) bringen neue Opfer. Auch derer gilt es zu gedenken. Mit Heldenverehrung kommt man da nicht weit. Ich halte es da lieber mit Max Mannheimer: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war,
    aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

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